Was passiert bei der Kreditvergabe durch Banken?

Bei der Kreditvergabe wird neues Giralgeld geschaffen, es kommt zu einer Erhöhung der Bilanzsumme der Bank, weil der Kreditbetrag wird gleichzeitig auf der Aktiv- wie auch auf der Passivseite eingetragen (Bilanzverlängerung: Aktiva=Passiva). Die Geldmenge (M1) erhöht sich. Es ist wichtig zu wissen, dass für die Kreditvergabe keine Reserven der Bank oder irgendwelche Sparguthaben anderer Kunden verwendet werden. Der Kreditnehmer erhält kein Reservegeld der Bank oder bezieht irgendwie eingezahlte Gelder anderer Kunden. Die Bank hat nur die Auflage seitens der Nationalbankverordnung, dass die Mindestreserven d.h. die anrechenbaren Aktiva der Geschäftsbank, im Mittel über einen Betrachtungszeitraum nicht unter 2.5% der massgeblichen Verbindlichkeiten der Bank fallen.
In der Buchhaltung (als Bilanzverlängerung) passiert im wesentlichen folgendes:  Auf der Aktivseite der Bankbilanz wird der Kreditbetrag als ‘Haben’ bzw. als Forderungen der Bank gegenüber dem Schuldner eingetragen. Gleichzeitig wird auf der Passivseite der Bankbilanz der gleiche Kreditbetrag als Verbindlichkeit bzw. als Schuld der Bank gegenüber dem Kunden eingetragen (Aktiva = Passiva). Diese Schuld gegenüber dem Kunden ist aber gleichzeitig sein kaufkräftiges Giralgeld.
Der Kunde verfügt nun über das neu geschaffene Giralgeld und kann damit bargeldlos Rechnungen bezahlen.
Tilgt der Kunde den Kredit, so findet eine Bilanzverkürzung statt. Würden alle Kredite auf einen Schlag getilgt werden, so würde es kein Giralgeld im Banken-Publikums-Kreislauf mehr geben.
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Hier einige erläuternde aufschlussreiche Artikel dazu in namhaften Zeitungen:
Financial Times Deutschland (FTD) 10.4.2012
Ein sehr interessanter Beitrag des Wirtschaftsweisen Prof. Peter Bofinger:
“Mickymaus-Modelle” der Ökonomen
Zitat: „In den Modellen agieren die Banken als reine Vermittler, die Ersparnisse einsammeln und sie als Kredite wieder zurück in die Wirtschaft geben. Diese Mickymaus-Modelle sind völlig realitätsfern. Der Finanzsektor braucht keine Einlagen um Kredite zu vergeben…“
Frankfurter Allgemeine
5.2.2012
Wie kommt Geld in die Welt?
Die Zeit  26.6.2010
Prof. em. H.Ch. Binswanger (HSG St.Gallen)
Geldschöpfung aus dem Nichts (2 Minuten-Video)
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  1. Rafael Wyser
    11. Juni 2012 um 11:35

    Verstehe ich das richtig, dass im Prinzip auf der Passiv-Seite der Bankbilanz ein fiktives Girokonto für den Kunden in der Höhe des Kredits auf der Aktivseite (Forderung am Kunden) erstellt wird, mit der Legitmiation der Solvenz des Kreditnehmer und der damit verbundenen Aussicht auf Kredittilgung?

  2. 18. Juni 2012 um 12:14

    Besten Dank für Ihr Interesse und das Nachfragen. Ich bin mir nicht sicher ob ich all ihre Ausführungen richtig interpretiere bzw. es scheint mir punktuell missverständlich. Was meinen Sie mit „fiktives Konto“? Es sind ja offizielle Konten! Was meinen Sie mit „Legitmiation der Solvenz des Kreditnehmer und der damit verbundenen Aussicht auf Kredittilgung“? Ja, der Kreditvertrag wird offiziell als „Einlage“ verbucht.
    Gerne verweise ich zum besseren Verständnis auf die Erläuterungen in der gut verständlichen Bachelor-Arbeit „Vollgeldreform – Das Reformkonzept und die politische Umsetzung in der Schweiz“ auf Seite 13-17 (samt klärender Grafiken):
    https://vollgeld.files.wordpress.com/2012/01/bachelor-arbeit_uni_sg_thema_vollgeldreform2.pdf .
    Oder sehr gut nachvollziehbar ist auch „VOM FRAKTIONALEN RESERVESYSTEM ZUR MONETATIVE – EINE DARSTELLUNG IN BILANZFORM“:
    http://www.monetative.de/wp-content/uploads/karwat-klaus-vom-reservesystem-zur-monetative-darstellung-in-bilanzen-okt-2009.pdf

  3. Rafael Wyser
    18. Juni 2012 um 17:18

    Vielen Dank. Ich glaube, dass ich es mit Hilfe des Artikels (inkl. Buchungssätze) verstanden habe. Es ist eben auch zu unterscheiden zwischen der Mindestreserve und der Eigenmittelquote (oder?). Was mir jedoch noch nicht ganz klar ist, ist der Umfang der möglichen privaten Geldschöpfung durch die Privatbanken. Die SNB definiert ihre Mindestreserve bei 2.5%. Es handelt sich um das Verhältnis der Einlagen der Privatbank bei der SNB und den Einlagen der Kundinnen und Kunden (Passiven der Geschäftsbank). Wenn nun aber Kredite niemals durch Kundeneinlagen finanziert werden, sondern immer eine Bilanzverlängerung stattfindet, dann kann doch auch keine effektive maximale Geldschöpfung durch die Bank mit dem Faktor 40 getätigt werden, weil die Einlagen der Kunden ebenfalls in diese Mindestreservequote einfliessen und den Hebel senken?
    Besten Dank und Gruss
    Rafael

  4. 18. Juni 2012 um 23:27

    @Rafael Wyser:
    Ja, es besteht ein grosser wichtig zu verstehender Unterschied zwischen Mindestreserve und Eigenmittelquote. Bitte beachten Sie die FAQ’s:
    http://vollgeld.ch/faq/
    Wie verhält es sich mit der Mindestreserve?:
    http://vollgeld.ch/faq/wie-verhalt-es-sich-mit-der-mindestreserve/
    Wie verhält es sich mit dem Eigenkapital?:
    http://vollgeld.ch/faq/wie-verhalt-es-sich-mit-dem-eigenkapital/
    oder auch:
    http://vollgeld.ch/faq/wieso-genugt-basel-iii-nicht/

    Betreffend Faktor 40 (in der Realität / Statistik sind es im Schnitt ca. 1:10, aber einzelne Grossbanken haben einen grösseren Geldschöpfungsfaktor, kleiner einen geringeren):
    Die SNB ist in Zugzwang (too big to fail-Problematik und „Verschuldungskrise“) und handelt REaktiv. Die Initiative liegt bei den Banken und die SNB spricht die Reserven im Nachhinein. (Mindestreserve muss „nur“ im 3Monatsschnitt jeweils per 20. des Monats erfüllt sein). Bitte beachten Sie dazu die Grafik in der Frankfurter Allgemeinen: 1a Bankenkreditvergabe / 1b Mindestreserve . Siehe:
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/geldschoepfung-wie-kommt-geld-in-die-welt-11637825.html
    oder auch diesen Artikel der Handelszeitung:
    https://vollgeld.files.wordpress.com/2012/04/handelszeitung_theoretisch_falsch.pdf
    auch die FAQ’s geben Antworten. Z.Bsp. zu Warum-kann-die-zentralbank-die-geldmenge-nur-sehr-eingeschrankt-steuern:
    http://vollgeld.ch/faq/warum-kann-die-zentralbank-die-geldmenge-nur-sehr-eingeschrankt-steuern/
    oder:
    http://vollgeld.ch/faq/wie-viel-buchgeld-kann-eine-geschaftsbank-schopfen/

    Ich hoffe die Hinweise dienten der Klärung.
    🙂

  5. Rexanach
    4. März 2013 um 23:06

    Ich denke, die Vorstellung Banken können Geld aus dem Nichts schöpfen, scheitert an der Realität. Nehmen wir den Fall ein Kunde nimmt ein sehr günstiges Grundschulddarlehen auf und kauft dafür Sparschuldverschreibungen der selben Bank. Die Bank hat ihre Bilanz verlängert, klar, sie braucht dann da Aktiv-Passiv-Mehrung stattfindet, ausser der Abführung des Mindesreservesatzes auch keine anderen Einlagen bzw. Refinanzierung. Aber:

    – Die Geldmenge M3 steigert sich nicht. Vielleicht ein Defintionsproblem oder auch Absicht.
    – Es kommt kein Geld in der Realwirtschaft an.

    Das war sogar der allergünstigste Fall. Sollte der Kreditnehmer, was wahrscheinlicher ist, das Geld abheben oder auch nur in Aktien anlegen, muss sich die Bank refinanzieren, wenn das Geld nicht schon, was sehr wahrscheinlich ist, von anderen Anlegern mit ihrer Einlage zur Verfügung gestellt wurde.

    • 7. März 2013 um 10:31

      Grüezi,
      Ihre Skepsis ist nachvollziehbar, aber die Geldschöpfung aus dem „Nichts“ wird auch öffentlich und wissenschaftlich bestätigt. Zum Beispiel: IWF (www.vollgeld.ch/IWF), Schweizer Fernsehen + Radio (www.vollgeld.ch/ECO) oder Schweizer Nationalbank (www.vollgeld.ch/FAQ) uvm.
      Gerne verweise ich auch auf
      http://www.positivemoney.org/how-banks-create-money/proof-that-banks-create-money/
      oder folgende Facebook-Kommentare:
      http://www.facebook.com/photo.php?fbid=519940914735410&set=a.363569920372511.86604.147641561965349&type=1&comment_id=7466477 .
      Konkret zu Ihrem Statement:
      Wenn ein Kredit aufgenohmen wird, erhöht sich die (sofort kaufkräftige) Geldmenge M1. Das Geld wird in den allermeisten Fällen nicht Bar abgehoben sondern „elektronisch“, also als Buch/Giralgeld überwiesen. Das heisst die Banken brauchen sich nicht mit Nationalbanken-Geld zu refinanzieren sondern „nur“ im Interbankensystem mit „Buchgeld“ anderer Banken. Bitte beachten Sie diese Kurzzusammenfassung samt anschaulicher Grafiken:
      https://vollgeld.files.wordpress.com/2012/12/kurzfassung_geldschoepfung_die_verborgene_macht_der_banken.pdf

      • Rexanach
        8. März 2013 um 01:34

        Ja, danke für die Hinweise und die Links. Aber ich glaube wir kommen schon der Sache deutlich näher: Dass sich die Bank nicht mit Zentralbankgeld, sondern nur mit Interbankengeld refinanzieren muss, gestehe ich gerne zu. Der springende Punkt ist die Notwendigkeit zur Refinanzierung und die Tatsache, dass das Interbankengeld durch Einlagenüberschüsse gedeckt ist.

      • 17. März 2013 um 22:20

        Für die Refinanzierung mit Interbankengeld braucht es keine Einlagenüberschüsse. Gerne verweise ich nochmals auf https://vollgeld.files.wordpress.com/2012/12/kurzfassung_geldschoepfung_die_verborgene_macht_der_banken.pdf .
        Bitte benennen Sie allfällige Unklarheiten aufgrund dieses Dokumentes.
        PS: Übrigens, der allergrösste Teil der bilanzierten „Buchgeld-Einlagen“ (Interbankengeld) entstehen wie bereits vorab erläutert einfach durch Bilanzverlängerung: gleichzeitig mit der Vergabe des Kredites wird die Einlage „aus dem Nichts“ geschaffen, durch das Verbuchen des Kreditvertrages als „werthaltige Einlage“.
        Siehe hier die bilanzielle Darstellung/Verbuchung:
        http://www.monetative.de/wp-content/uploads/karwat-klaus-vom-reservesystem-zur-monetative-darstellung-in-bilanzen-okt-2009.pdf

      • Rexanach
        18. März 2013 um 17:18

        Betrachten wir zunächst Bank 1: Durch die Giralgeldüberweisung ihres Kunden an eine andere Bank muss sie sich im Interbankenmarkt verschulden. Dadurch ist klar, dass es mit der Schöpfung aus dem Nichts aus ist. Ihrer Forderung aus Kreditvergabe an Kunden steht nun eine Verbindlichkeit gegenüber einer anderen Bank gegenüber. Ein zufälliges Clearing mit der gleichen Bank am gleichen Tag in gleicher Höhe ändert an diesem Sachverhalt nichts. Falls in Zukunft nichts weiter zwischen beiden Banken passiert, steht die Verbindlichkeit gegenüber der anderen Bank noch in 100 Jahren in den Büchern.

        Nun könnte man sagen, durch das oben genannte Clearing hat doch aber nun Bank 2 das verliehene Geld. Das ist richtig, hier erfolgt eine unbestrittene Giralgeldschöpfung, aber auch wieder nicht aus dem Nichts. Der Forderung aus Kreditvergabe an eine fremde Bank steht hier nun auch wieder eine Verbindlichkeit gegen einem Kunden gegenüber.

        Dem kann auch nicht damit abgeholfen werden, indem man sagt, ja Bank 2 macht das nun wie Bank 1 zu Beginn unserer Überlegungen. Die Situation wäre die gleiche nur halt umgekehrt zu sehen.

        Nochmal zur Verdeutlichung: Bank 1 und Bank 2 schöpfen den gleichen Betrag aus dem Nichts und überweisen das Geld am gleichen Tag gegenseitig. Es wird gecleared. Dennoch haben beide Banken künftig eine Forderung gegenüber der anderen Bank in den Büchern stehen. Diese Forderung deckt die Kreditherauslage bei beiden Banken. Die Beträge auf den Girokonten der Kunden wurden also in diesem Beispiel nicht aus dem Nichts geschöpft. Nun könnte man sagen, Moment mal, mit dem Clearing entsteht ja auch gleichzeitig eine Verbindlichkeit der Banken gegeneinander. Das ist richtig und entspricht den Vorgängen einer typischen Giralgeldschöpfung unter Banken.

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